The Japan Times - Amerikas Plan gegen China

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Amerikas Plan gegen China




Die globale Wirtschaft erlebte in den vergangenen Jahren eine Phase der Unsicherheit. Handelskonflikte, eine Pandemie, der Russland‑Ukraine‑Krieg und geopolitische Spannungen haben Lieferketten erschüttert. In den USA wurde deutlich, wie abhängig die eigene Industrie von Rohstoffen und Produkten aus China ist. Seltene Erden, Halbleiter, Batteriematerialien und viele elektronische Komponenten kommen größtenteils aus der Volksrepublik. Laut amerikanischen Regierungsstellen werden etwa 70 Prozent der von den Vereinigten Staaten importierten Seltenerdmetalle in China abgebaut, während die Volksrepublik bei der Weiterverarbeitung sogar mehr als neunzig Prozent des Marktes kontrolliert.

Diese Abhängigkeit birgt Risiken. Peking hat in den vergangenen Jahren wiederholt Exportkontrollen für kritische Metalle verhängt und droht damit, den Zugang zu wichtigen Rohstoffen als politisches Druckmittel einzusetzen. Gleichzeitig verschärfte Washington unter Präsident Joe Biden ab 2022 die Exportkontrollen für Hochleistungschips und verbot Unternehmen, neue Halbleiterfertigungen in China aufzubauen. Die Welt erlebte damit eine Eskalation des wirtschaftlichen Machtkampfs zwischen den beiden größten Volkswirtschaften.

Der amerikanische Drei‑Säulen‑Plan
Um die Abhängigkeit von China zu reduzieren, verfolgt Washington einen dreigleisigen Ansatz: Nearshoring, Reshoring und Friendshoring. Alle drei Strategien sind integrale Bestandteile eines Programms zur Restrukturierung der Lieferketten. Die USA wollen ihre Versorgung sicherer, diversifizierter und politisch kontrollierbarer machen – und gleichzeitig neue Arbeitsplätze im eigenen Land schaffen.

1. Nearshoring – Produktion in die Nähe verlagern
Nearshoring zielt darauf ab, die Produktion aus Ostasien in benachbarte Länder wie Mexiko zu verlagern. Dadurch sollen Transportwege verkürzt, Zölle vermieden und Versorgungsrisiken verringert werden. Mexiko profitiert bereits stark von dieser Strategie: Der Nachbarstaat wurde 2024 zum größten Lieferanten von US‑Importen, und im Jahr 2023 flossen Rekordinvestitionen von über 36 Milliarden US‑Dollar ins Land. Zwischen Januar 2023 und August 2024 wurden mehr als 400 Investitionsprojekte mit einem Gesamtvolumen von rund 170 Milliarden US‑Dollar angekündigt. Besonders stark wächst der Elektronik‑ und Automobilsektor, da Unternehmen den Vorteil nutzen, im Rahmen des USMCA‑Freihandelsabkommens ohne Zölle in die Vereinigten Staaten zu liefern.

Doch Nearshoring ist kein Selbstläufer. Neben logistischer Infrastruktur fehlen oft qualifizierte Arbeitskräfte, und Sicherheitsrisiken wie Drogenkartelle schrecken Investoren ab. Zudem sorgen politische Maßnahmen – beispielsweise die temporäre Einführung von Importzöllen auf mexikanische Waren Anfang 2025 – für Unsicherheit.

2. Reshoring – Rückkehr der Industrie in die USA
Reshoring geht einen Schritt weiter: Produktion wird komplett zurück in die Vereinigten Staaten verlagert. Die Regierung unterstützt diesen Prozess mit großzügigen Förderprogrammen. Das CHIPS and Science Act von 2022 stellt mehr als 50 Milliarden Dollar für den Aufbau einer nationalen Halbleiterfertigung bereit. Die Subventionen sind an strenge Bedingungen geknüpft – Unternehmen, die Mittel aus dem Programm erhalten, dürfen zehn Jahre lang keine Halbleiterwerke in China ausbauen. Zusätzlich ermöglicht ein Steuerguthaben von 25 Prozent Investitionen in neue Fabriken.

Die Politik zeigt Wirkung: 2024 wurden laut Reshoring Initiative rund 244 000 neue Arbeitsplätze durch Rückverlagerung oder ausländische Direktinvestitionen geschaffen, und über 100 Projekte in 28 Bundesstaaten sorgen für private Investitionen von mehr als einer halben Billion Dollar. Das Ziel besteht darin, die amerikanische Chip‑Produktion bis 2032 zu verdreifachen. Trotzdem bleibt die Produktion in den USA deutlich teurer als in Asien; Energie‑, Rohstoff‑ und Personalkosten sind um 30 bis 50 Prozent höher. Außerdem fehlen im Inland Fachkräfte und komplette Wertschöpfungsketten für viele High‑Tech‑Produkte.

3. Friendshoring – Lieferketten mit Verbündeten
Friendshoring baut auf dem politischen Gedanken, Lieferketten nur mit „vertrauenswürdigen“ Partnern aufzubauen. Die US‑Finanzministerin Janet Yellen prägte den Begriff und bezeichnete Friendshoring als eine Wirtschaftspolitik, die „freien, aber sicheren Handel“ ermöglichen soll. Demnach werden Lieferketten zu Ländern verlagert, die ähnliche politische Werte teilen und geringe geopolitische Unsicherheit aufweisen. Zu diesen Partnern zählen insbesondere Kanada, Mexiko, Japan, Südkorea sowie europäische Staaten.

Friendshoring soll das Risiko reduzieren, dass China durch Sanktionen oder Exportkontrollen die USA unter Druck setzen kann. Doch das Konzept steht vor Herausforderungen:

  • Einige „Freunde“ zweifeln an der Verlässlichkeit der USA, weil Washington sich wiederholt auf nationale Sicherheitsklauseln beruft – etwa bei der Blockade der Übernahme von U.S. Steel durch Nippon Steel im Januar 2025.
  • Auch die Transparenz der Lieferketten leidet. Oft werden chinesische Waren in Drittstaaten umgepackt und dann als Produkte aus befreundeten Ländern in die USA exportiert.
  • In bestimmten Bereichen wie „grüne“ Energie und kritische Mineralien ist China nach wie vor der einzige Anbieter, der die Nachfrage in großem Maßstab bedienen kann.


Trotzdem gibt es erste Erfolge: Mexiko und Kanada haben China 2025 als wichtigste Lieferanten der USA verdrängt; gemeinsam mit den ASEAN‑Staaten liefern sie mehr Waren in die USA als die Volksrepublik.

Politischer Druck auf Verbündete
Die USA setzen nicht nur auf eigene Initiativen, sondern üben auch Druck auf ihre Partner aus. Finanzminister Scott Bessent traf im Januar 2026 Vertreter von zwölf Ländern – darunter Deutschland, Kanada und Japan – um über die Versorgung mit Seltenen Erden zu sprechen. Die Teilnehmer repräsentieren rund 60 Prozent der weltweiten Nachfrage. Bessent forderte die Partner dazu auf, ihre Lieferketten zu diversifizieren. Es gehe nicht darum, den Handel mit China komplett einzustellen, sondern Risiken zu minimieren. Deutschland begrüßte die Initiative; Bundesfinanzminister Lars Klingbeil betonte, dass die Versorgung mit seltenen Metallen für die Volkswirtschaft entscheidend sei und rasche Entscheidungen notwendig seien.

Exportkontrollen: Technologie als Waffe
Ein weiterer Pfeiler der US‑Strategie ist die Kontrolle über Schlüsseltechnologien. Seit 2022 gelten umfassende US‑Exportbeschränkungen für Hochleistungschips und Chip‑Design‑Software. Unternehmen benötigen eine besondere Genehmigung des Handelsministeriums, um bestimmte Halbleiter oder Fertigungsausrüstungen nach China zu liefern. Diese Genehmigungen werden selten erteilt. Die Regeln betreffen nicht nur chinesische Firmen mit Verbindung zum Militär, sondern China als geographische Einheit.

Die USA üben zudem Druck auf verbündete Staaten wie Taiwan und die Niederlande aus, damit Unternehmen wie TSMC und ASML keine Spitzentechnologie nach China exportieren. Damit wollen sie ihren technologischen Vorsprung in Bereichen wie künstlicher Intelligenz, 5G oder Quantencomputing wahren.

China reagierte ihrerseits mit eigenen Exportkontrollen. Seit dem Sommer 2023 gelten Beschränkungen für die Metalle Germanium und Gallium, im April 2025 kamen sieben Seltene Erden hinzu. Firmen müssen seither nachweisen, dass die Stoffe nicht militärisch genutzt werden. Die Ausfuhren sanken zunächst, doch laut Analysen resultierten die Rückgänge vor allem aus bürokratischen Anpassungen. Im Oktober 2025 dehnte Peking die Kontrollen auf weitere Metalle und Technologien zur Förderung und Verarbeitung von Seltenen Erden aus und verlangte Lizenzen, wenn außerhalb Chinas hergestellte Produkte chinesische Technologien enthalten. Diese Maßnahmen unterstreichen den wechselseitigen wirtschaftlichen Machtkampf.

Project Vault: Strategische Rohstoffreserve
Am 2. Februar 2026 präsentierte Donald Trump einen weiteren Baustein der amerikanischen Unabhängigkeitsstrategie: Project Vault. Mit zwölf Milliarden US‑Dollar Startkapital soll eine zivile strategische Reserve für kritische Mineralien entstehen. Ziel des Programms ist es, die amerikanische Industrie gegen Lieferausfälle und Preisschocks abzusichern und die Abhängigkeit von chinesischen Rohstofflieferungen zu reduzieren. Die Mittel stammen aus zwei Quellen: Private Investoren bringen 1,67 Milliarden US‑Dollar auf, die staatliche Export‑Import‑Bank steuert ein zehn‑Milliarden‑Dollar‑Darlehen bei. In der Reserve sollen unter anderem Gallium, Kobalt und diverse Seltene Erden eingelagert werden.

Mehr als ein Dutzend Unternehmen wollen sich beteiligen, darunter General Motors, Stellantis, Boeing, Corning und Alphabet. Rohstoffhändler wie Hartree Partners, Traxys North America und Mercuria Energy Group übernehmen den Einkauf. Das Konzept sieht vor, dass Unternehmen Vorabgebühren zahlen und laufende Lagerkosten übernehmen. Bei Engpässen können sie auf die Vorräte zugreifen, müssen diese aber anschließend wieder auffüllen.

Project Vault ist nicht die erste Initiative dieser Art. Seit 2020 hat das US‑Verteidigungsministerium über 439 Millionen US‑Dollar in heimische Lieferketten für Seltene Erden investiert und eine Anlage zur Verarbeitung schwerer Seltener Erden finanziert. Dennoch befinden sich die USA noch immer am Anfang: Der Großteil der Verarbeitung findet weiterhin in China statt, und es ist fraglich, ob die neuen Projekte die Lücke schnell schließen können.

Wirtschaftliche und geopolitische Folgen
Die Bemühungen der USA, ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von China zu reduzieren, haben weitreichende Konsequenzen:

  • Neue Handelsmuster: Mexiko und Kanada haben China als wichtigste Lieferanten der USA abgelöst, und die ASEAN‑Staaten liefern zusammen mehr in die USA als die Volksrepublik. Dies verdeutlicht, wie stark sich Handelsströme verschieben, wenn Großmächte Lieferketten neu ordnen.
  • Belastung für Verbündete: Deutsche Unternehmen in China klagen über steigende Logistikkosten, Sanktionen und Exportkontrollen. Laut einer Umfrage der Auslandshandelskammern in China gaben 69 Prozent der Firmen an, stärker unter dem angespannten US‑chinesischen Verhältnis zu leiden als unter EU‑chinesischen Spannungen.
  • Technologischer Wettlauf: Die Exportbeschränkungen und Subventionen werden zu einem weltweiten Wettbewerb um die Ansiedlung von Halbleiterfabriken führen. Staaten wie die EU, Südkorea und Taiwan reagieren mit eigenen Förderprogrammen, um im Chip‑Wettrennen nicht abgehängt zu werden.
  • Kosten und Inflation: Der Aufbau neuer Fabriken in den USA ist teurer. Die Förderung schafft Arbeitsplätze, treibt jedoch die Kosten für Endprodukte in die Höhe. Gleichzeitig drohen Engpässe bei Fachkräften.

Zwischenfazit zum aktuellen Zeitpunkt
Der Plan der USA, ihre Abhängigkeit von China zu beenden, ist mehr als ein Schlagwort. Hinter der Illusion, eine rasche Loslösung zu erreichen, steht ein komplexes Bündel aus Industrieförderung, geopolitischem Druck, strategischen Rohstoffreserven und partnerschaftlicher Diplomatie. Nearshoring und Reshoring sollen Lieferketten verkürzen und Arbeitsplätze schaffen; Friendshoring soll riskante Abhängigkeiten durch handelspolitisch verbündete Länder ersetzen; Exportkontrollen und Investitionsverbote zielen darauf ab, den technologischen Vorsprung zu sichern. Mit Project Vault entsteht erstmals eine große zivile Rohstoffreserve.

Ob dieser Ansatz am Ende ausreicht, ist offen. China bleibt in vielen Schlüsselindustrien unersetzbar und nutzt seine Marktmacht bei Seltenen Erden und der Verarbeitung wichtiger Metalle. Auch das US‑Programm ist teuer und ruft Widerstände hervor. Dennoch zwingt der zunehmende geopolitische Wettbewerb westliche Länder dazu, ihre Lieferketten neu zu denken. Langfristig könnte dies zu einer multipolaren Weltwirtschaft mit parallel verlaufenden Wirtschaftsblöcken führen – ein Szenario, das sowohl Chancen als auch Risiken birgt.



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